Rezension: MUSLIMANIAC. DIE KARRIERE EINES FEINDBILDES. Verbrecher Verlag Berlin 2023
Der Einstieg in das Buch bieten die Beobachtungen aus dem eigenen Umfeld, als der Autor aufdringlich und brüsk von fremden Menschen mit der Aufforderung angeschrieben wird, für die reale oder vermeintliche Taten der Muslime zu verantworten. Im Verlauf des Buches verfolgt Keskinkılıç einen biografischen Ansatz. Er setzt seine Lebenserfahrung in breiten Kontext und zeigt, wie verbreitet die kolonialen und rassistischen Muster in Wissenschaft, Geschichte und Alltag noch vertreten sind. Dementsprechend sind die Kapiteln des Buches aufgeteilt.
Das erste Kapitel "Koloniale Diagnosen" zeigt den Umgang mit der Andersartigkeit aus der medizinischen Perspektive. Als Einstieg dient die eigene Erfahrung. In starker Anlehnung an Said, Fanon und Foucault beschreibt Keskinkılıç '[d]ie Kolonialdiagnose [...] pathologisiert das muslimische Leben insgesamt. Sie macht die Anderen zum Problemfeld der Medizin, der Integration, der Sicherheit' (Seite 29).
Gleichzeitig versucht Keskinkılıç die Musliminnen und Muslime nicht als stimmlose Opfer zu stilisieren, sondern zeigt, welche künstlerischen und publizistischen Formen die Abwehr gegen die Vorurteile und Diskriminierungen annimmt. Diesem Aspekt ist das ächste Kapitel - "Kanak Attak Reloaded" - gewidmet.
Die Ambiquität der Eigen- und Fremdwahrnehmung, Sprache und Bilder sind im Buch an vielen Stellen behandelt. Ausführlich ist das Thema im Abschnitt "Die Verwandlung zum islamischen Schreckgespenst" behandelt. Die Dichotomien zwischen der Bedrohung und Rückständigkeit sind kennzeichnend. Oft sind es die gleichen Akteure, die von der Rückständigkeit der islamischen Welt sprechen, um dann im nächsten Schritt vor Gefahren, die angeblich von Muslimen ausgehen, zu warnen. Manche Vergleiche nehmen schon skurille Züge und erinnern zum Teil an die antisemitischen Verschwörungstheorien aus dem späten XIX. und frühen XX. Jahrhundert. Dadurch, dass die Muslime in Deutschland keine hohen Positionen im öffentlichen Leben bekleiden, hindert allerdings die Stärkung dieser verschwörerischen Narrative.
"Geschlechterfeindbilder" und "Queer Dschihad" kennzeichnet Blick von Innen und von Außen auf die Geschlechterrollen, Homosexualität und sogar Pornografie.
Die Frauenrechte werden in der Kolonialzeit als Mittel zur Kontrolle und nicht einer wahrhaften Gleichstellung der Frau. Lord Cromer, britischer Generalkonsul in Ägypten, beschwerte sich über die Lage der Frau in muslimischen Ländern und engagierte sich gleichzeitig bei Men's League for Opposing Women's Suffrage und sah dabei offensichtlich keinen Widerspruch (Seite 98). Da drängt sich die Parallele mit der jetzigen Position der meist konservativ Politik, die den Umgang mit der Homosexualität im Islam problematisiert, um von der eigenen ablehnenden Haltung abzulenken. Keskinkılıç zeigt auch, dass LGBTQI-Community trotz der Ablehnung im Westen offen für ihre Rechte auftritt (Seite 132ff).
Die letzten Kapitel problematisieren den Umgang mit den Literaturwerken und Autoren aus dem islamischen Kreis. Es geht einerseits um die "Entwurzelung" und Dekontekstualisierung der Werke. In der englischen Übersetzung von Werken des berühmten Dichters Rumi werden die Hinwiese auf den Islam nicht übertragen, sondern durch allgemeine und kontestlose Sentenzen ersetzt (Seite 153ff). An einer anderen Stelle zitiert Keskinkılıç Soziologin Fatima Mernisi, die sich über die Darstellung von Scheherazada beschwert, die nicht als eine kluge Frau dargestellt wird, sondern auf das Erotische reduziert (Seite 107).
Der Umgang mit eigenem "problematischen" Erbe ist auch behandelt, Abu Nuwas mit seiner erotischen und gedonistischen Dichtung nimmt eine prominente Stelle, wie Keskinkılıç selbst schreibt, die Lobgesänge an den Propheten sind mit der romantischen Lyrik und sogar erotischen Anspielungen benachbart.
Zur Erklärung greift Keskinkılıç aufs Konzept der Ambiguität Thomas Bauer, der weniger Beachtung als Said findet. Bauer hebt die Vielseitigkeit und Pluralität im islamischen Kontext. Keskinkılıç führt selbst den Niedergang der Pluralität auf die Modernisierung und damit einhergehenden Wunsch nach Vereinheitlichung. Die traumatischen Erfahrungen der Kolonisierung verstärkten den Verlangen nach der Einheit und riefen so die Radikale auf die Tagesordnung.